Erlaubt der Koran die Polygamie (in "Lehren des Koran")

Geschrieben von: Hanif, am 29.Oct.2014

Im Namen Gottes des Erbarmers des Gnädigen

Die Ansicht, dass Männer mehrere Frauen heiraten dürfen, ist in der islamischen Gesellschaft recht verbreitet und die meisten, die sich oder anderen diese Tat legitimieren, berufen sich auf Vers 3 in Kapitel 4. Wir zeigen zunächst eine traditionelle Übersetzung bzw. das orthodoxe Verständnis der Verse, bevor wir an Hand mehrerer Verse zu beweisen versuchen, dass es sich eher um eine Missinterpretation handelt, die von den Gelehrten der islamischen Sekten absichtlich in die Wege geleitet wurde. Nachfolgend die Übersetzung von Azhar:

4:2 Den Waisen sollt ihr ihr Vermögen geben. Ihr dürft ihnen nicht nur das Schlechte geben und euch das Gute aneignen. Fügt ihr Vermögen nicht dem Euren hinzu! Wer das tut, bürdet sich eine schwere Schuld auf.
4:3 Wie ihr zu befürchten habt, den Waisen gegenüber ungerecht zu sein, so sollt ihr euch gleichfalls davor zurückhalten, eure Frauen durch Ungerechtigkeit zu betrüben. Zwei, drei oder höchstens vier könnt ihr zugleich heiraten unter der Bedingung, sie alle gleich mit Gerechtigkeit zu behandeln. Fürchtet ihr, nicht gerecht sein zu können, so heiratet nur eine, oder begnügt euch mit euren leibeigenen Frauen! So bleibt ihr bei der Gerechtigkeit (und vermeidet, viele Kinder zu haben, für die ihr nicht aufkommen könnt).

Es ist erstaunlich, was in diesen Versen hinein interpretiert bzw. falsch übersetzt wurde (die roten Zeile), damit es zu ihrer Sicht und mit ihren Glaubensätzen passt. Doch bevor wir weitermachen, wollen wir eine wortgetreue Übersetzung zeigen, damit jeder dieses Durcheinander auf die Reihe bekommt:

4:2 Und den Waisen sollt ihr ihr Vermögen zukommen lassen, und tauscht nicht die guten Dinge mit dem Üblen. Und verzehrt nicht ihr Vermögen zu eurem Vermögen, es ist eine große Zuwiderhandlung
4:3 Und wenn ihr fürchtet, zu den Waisen ungerecht zu handeln, so heiratet (fankihu), was euch passend von den Frauen ist, doppelt, drei- oder vierfach. Wenn ihr aber fürchtet, ungleichmäßig zu handeln, dann nur eine davon oder eine, die unter eurem Recht steht. Das ist das mindeste, um keine Knappheit leiden zu müssen

Wir ließen bei unserer Übersetzung das Wort "heiratet" genau so, wie es traditionelle Mosleme zu verstehen glauben. Wir werden jedoch zeigen, dass es sich hier um den Ausdruck "heiraten lassen" von Waisenmädchen geht und nicht um das eigene Heiraten.

Das Wort (fankihu), das im Vers als "heiratet" übersetzt wurde, wird mit dem diakritischen Zeichen "Kasrah" (i) betont (siehe im Bild, den roten Kreis). Würde man mit "Fatha" schreiben, dann liest man es (fankahu) (a). Bei den beiden diakritischen Zeichen liegt in der Tat ein großer Unterschied. Denn schreibt man das Wort mit Kasrah (sowie im Originaltext, wie im Bild), dann bedeutet es "lasst heiraten". Würde man mit Fatha (a) schreiben, was nicht der Fall ist, dann bedeutet es "heiratet". Der erste Fall (mit Kasrah) wird sogar in einem anderen Vers deutlich gezeigt, dass es um "Heiraten lassen" geht:

28:27 Er sagte: Ich möchte dich eine meiner beiden Töchter heiraten lassen dafür, dass du dich mir acht Jahre (Pilgerzeiten) lang verpflichtest. Vollendest du zehn, dann kommt es von dir. Ich möchte dir aber die Sache nicht schwer machen, und du wirst mich, so Gott will, als einen der Rechtschaffenen finden

Deshalb verstehen wir nicht, wie die Gelehrten der islamischen Traditionen das übersehen haben oder übersehen wollen, vielleicht um sich und ihre Sichtweisen zu bekräftigen, obwohl das ganze Thema im Kapitel 4 hauptsächlich davon handelt, wie man mit den Waisen umgeht.

Es werden zwei unterschiedliche Arten von Waisen gezeigt, die im Koran als Thema behandelt werden. Weibliche oder männliche Waisen,

  1. die noch schwach bzw. unreif sind
  2. die bereits reif aber noch unselbstständig sind

Deshalb steht in den Versen 4 und 5 folgendes:

4:4 Und gebt den Frauen ihre zustehende Spende als Morgengabe. Wenn sie für euch aber freiwillig auf etwas davon verzichten, dann verzehrt es als wohlbekömmlich und zuträglich.
4:5 Und gebt nicht den Toren (Unselbstständige) euer Vermögen, das Gott euch zum Unterhalt bestimmt hat, sondern versorgt sie davon und kleidet sie und sagt zu ihnen geziemende Worte

Vers 4 spricht von der finanziellen Unterstützung, die man für die Waisen bestimmt, damit es ihnen in ihrem zukünftigen Leben als Grundlage dient. Würde man meinen, dass sie mit diesem Geld nicht umgehen können, weil sie vielleicht geistig nicht reif sind, dann kann man damit für sie Sachen kaufen und ihnen mit guten Ratschlägen weiter helfen. Wenn die Waisen aber ein Vermögen von ihren Eltern oder Verwandten geerbt haben, das wir für sie verwalten bis sie älter sind, dann müssen wir ihnen ihr Vermögen zurückgeben, sobald sie ihre Reife erreicht haben und wir dürfen auf keinen Fall etwas davon nehmen, außer wir sind so arm, dass wir davon einen kleinen Teil entnehmen müssen, um unsere Ausgaben zu decken.
Die Rede in Vers 3 ist also nicht von den Müttern der Waisen, wie manche behaupteten (das Wort Mütter ist auch hier nicht zu sehen) und nicht davon, dass man sie selbst heiratet, sondern davon, dass wir eine Verantwortung gegenüber den Waisen haben und eine große Last tragen, die durch ihre Heirat, falls es möglich ist und sie erwachsen sind, gelöst werden kann.

Heiraten lassen von den Waisen könnte man ja 2, 3 oder 4 gleichzeitig (Vers 4:3). Dabei ist es wichtig zu beachten, dass sie alle ihren gerechten und gleichmäßigen Anteil bekommen und nicht, dass eine mehr als die anderen bekommt. Ist es aus verschiedenen Gründen nicht möglich, weil vielleicht manche Frauen noch nicht heiraten wollen oder, weil sich noch nicht genug Ehemänner angeboten haben etc., dann gibt es die Möglichkeit nur eine Waise heiraten zu lassen oder eine, die unter unserem Recht steht. Dies alles ist erlaubt, wenn die beaufsichtigende Person vor allem an Knappheit leidet und für die Mädchen nicht aufkommen kann.

Vers 4:127 betont wieder, dass es sich nicht um irgendwelche Frauen geht, sondern speziell um die weiblichen Waisen:

4:127 Und sie fragen dich um Belehrung über die Frauen. Sage: Gott belehrt euch über sie, und darüber, was euch in der Schrift verlesen wird über die weiblichen Waisen, denen ihr nicht gebt, was ihnen vorgeschrieben ist, und die ihr heiraten zu lassen begehrt, und die Schwachen unter den Kindern, und dass ihr gegenüber den Waisen Gerechtigkeit wahrt. Und was immer ihr an Gutem tut, so weiß Gott darüber Bescheid

Man merkt in diesem Vers, dass die Leute den ersten Teil in diesem Kapitel nicht verstanden haben, deshalb fragen sie nochmal: Was ist mit den Frauen? Und die Antwort darauf war: Es wurde bereits über die Frauen und insbesondere über die weiblichen Waisen in der Schrift verlesen! Betont wird das ganze zweimal in diesem Kapitel, weil es darum geht, dass manche sich das Vermögen der Waisen unrechtmäßig angeeignet haben. Man erklärte sich als beaufsichtigende Person, bzw. als Betreuer für sie, nahm dann ihr Geld und wollte sie danach losbekommen, indem man sie heiraten lässt. Gott lehrt uns, wenn wir die Aufsicht über Waisen haben, dann nicht deswegen, weil es uns Gewinn bringt, sondern weil es einer der Gebote Gottes ist, den Armen, den Obdachlosen und den Waisen ihre Rechte zu geben.

2:177 Aufrichtigkeit ist nicht, wenn ihr eure Gesichter in Richtung des Ostens oder des Westens kehrt, sondern Aufrichtigkeit ist, wenn man an Gott, an den letzten Tag, an die Engel, an die Schrift und an die Propheten glaubte und das Geld, obwohl man es liebt, den Nahen, den Waisen, den Bedürftigen, dem Obdachlosen, den Fragenden und den Unfreien zukommen ließ und den Kontakt aufrechterhielt und zur Verbesserung beisteuerte. Die ihre Vereinbarung einhalten, wenn sie vereinbarten, und die in der Not, im Leid und wenn es schlimm zugeht, geduldig sind, das sind die Wahrhaftigen und das sind die Achtsamen

Die WaisenZusammenfassung

Wie man sieht, sind solche kleinen Zeichen - genannt [Harakat] (diakritische Zeichen) -, die von den Menschen im zweiten Jahrhundert nach dem Hijra im Koran gesetzt worden sind, die Interpretation einer Gruppe von Menschen. Eine kleine Veränderung solcher Zeichen würde die Bedeutung der Verse ebenfalls verändern. Man kann also dies oder auch jenes verstehen je nach Veranlagung und Vorlieben. Solche Vorlieben, wie das Begehren von Frauen, die die Traditionellen immer wieder zu betonen versuchen, sind bereits im Koran Vers 3:14 vorgeführt:

3:14 Geschmückt ist den Menschen die Liebe des Begehrens von den Frauen, den Söhnen, den zentnerweisen Zentnern von Gold und Silber, den gezähmten Pferden, dem Vieh und dem Acker. Dies ist eine Nutznießung des diesseitigen Lebens, jedoch bei Gott ist die schönste Rückkehr

Leider sehen wir, dass viele Verse, die von Gerechtigkeit handeln, auf so eine Weise interpretiert wurden, um die Begierden der Menschen und vor allem der Männer (da es meistens Männer sind, die sich damit beschäftigen) zu rechtfertigen. In allem liegt entweder eine große Verführung oder eine Verantwortung, für die wir uns entscheiden müssen.

Gelobt ist der Herr der Welten!

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2 Kommentare

Fatih
13.Apr.2015
Ich denke damit ist tatsächlich die Polygamie gemeint, weil das Verbot zwei Geschwister zu heiraten (4:23) überflüssig wäre.

Reply to Fatih

admin: 18.Apr.2015Salam Fatih
Wir haben vor kurzem erst angefangen, Kapitel 4 zu übersetzen. Es sind viele Gesetze, Eizelheiten und Feinheiten, die beachtet werden müssen.
Erstens in Vers 4:23 steht nichts von Heiraten, sondern welche Art von Frauen den Männern verboten ist.
Der Vers danach (4:24) behandelt ein Thema, das ein Streitpunkt zwischen Schiiten und Suniiten war, und zwar die sog. Genuß-Ehe oder Zeit-Ehe.
Darüber werden wir mehr schreiben und das Thema als Diskussionsmaterial veröffentlichen.
Bis bald sGw
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Wer SATT ist, wird NIE einen HUNGERNDEN verstehen.
Es kommt nicht darauf an, wie ALT man ist, sondern WIE man alt ist.
AUFRICHTIGKEIT ist wahrscheinlich die verwegenste Form der TAPFERKEIT.
Ein WAHRHAFT großer Mensch wird weder einen Wurm ZERTRETEN, noch vor dem Kaiser KRIECHEN.
Was Rednern an TIEFE fehlt, ersetzen sie durch LÄNGE.
Sehnsucht ist das Los des Geistes, der einmal Gottes Schönheit geschaut hat.
Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in DIR.
Wandelt mit den FÜßEN auf der ERDE; mit den HERZEN aber seid im HIMMEL.
Bewußt-Sein ist Selbst-Erlebnis durch Selbst-Betrachtung.
Doch die SCHÖPFUNG - bleibt ein WUNDER.
Nur der Schweigende hört.
Suche nicht ANDERE, sondern dich SELBST zu übertreffen.
Man muss etwas Neues machen, um etwas Neues zu sehen.
Jede Weisheit ist ein Geschenk Gottes
Wer sich nicht mehr WUNDERN kann, der ist SEELISCH bereits TOD.
Menschen wünschen sich Geduld, aber so schnell wie möglich