Dunkelheit und Unrecht im Quran

Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Gnädigen

Im Koran stehen Dunkelheit ظلمات und Unrecht ظلم nicht zufällig nebeneinander. Beide sind durch dieselbe Wurzel ظلم verbunden. Gerade darin liegt ein tiefer Sinn. Unrecht ist nicht nur eine falsche Tat, sondern eine Verdunkelung. Es ist ein Zustand, in dem das Licht fehlt, das den Weg sichtbar macht. Dunkelheit ist dabei nicht nur fehlende Helligkeit, sondern auch Verdeckung, Irregehen und Verlust von Orientierung.

2:257 Gott ist der Verbündete derer, die glaubten. Er bringt sie aus den Finsternissen heraus ins Licht. Und diejenigen, die ableugneten, ihre Verbündete sind die Gewaltherrscher, die sie aus dem Licht herausbringen in die Finsternisse. Jene sind die Angehörigen des Feuers, worin sie ewig sind.

Schon dieser Vers zeigt, dass die Finsternisse mehr sind als bloße optische Dunkelheit. Es ist ein Zustand, aus dem der Mensch herausgebracht werden muss. Das Licht ist hier das, was klärt, sichtbar macht und führt. Die Finsternisse sind das, worin der Mensch seine Richtung verliert.

Darum ist der Gegensatz zwischen Licht und Dunkelheit im Koran nicht nur äußerlich, sondern auch geistig und existenziell.

14:1 A.L.R. Eine Schrift, die wir dir herabsandten, damit du die Menschen aus den Finsternissen ins Licht herausbringst, mit der Erlaubnis ihres Herrn, zum Pfad des Ehrenvollen, des Lobenswerten.

14:5 Und wir entsandten bereits Mose mit unseren Zeichen: Du sollst dein Volk aus den Finsternissen ins Licht herausbringen, und erinnere sie an die Tage Gottes. Gewiss, darin sind Zeichen für jeden Geduldigen, Dankenden.

Hier wird das Muster wiederholt. Der Weg aus den Finsternissen ins Licht ist zugleich der Weg zum Pfad. Das Licht ist also nicht bloß Leuchten, sondern Wegsicht. Wer im Licht ist, sieht den Weg. Wer in Finsternissen ist, verfehlt ihn.

Von hier aus lässt sich der Zusammenhang zum Unrecht sehr gut verstehen: Unrecht ist nicht nur moralischer Fehler, sondern Abweichen aus der Sichtbarkeit des rechten Weges.

6:39 Und diejenigen, die unsere Zeichen für Lüge erklärten, befinden sich taub und stumm in den Finsternissen.

Diese Stelle ist besonders stark. Die Finsternisse werden hier mit Taubheit und Stummheit verbunden. Das heißt: In der Dunkelheit fehlt nicht nur das Sehen, sondern überhaupt die klare Aufnahme und Wiedergabe der Wahrheit.

Der Mensch ist in einem Zustand gestörter Wahrnehmung.
Finsternis ist also nicht nur Dunkelheit für die Augen, sondern Dunkelheit für die Orientierung.

27:14 Und sie waren ihnen gegenüber undankbar, auch wenn ihre Seelen sie erkannten, aus Unrecht und Überheblichkeit. So siehe, wie die Folge der Verderbenden ist.

Hier wird der Zusammenhang noch schärfer. Die Seelen erkannten bereits, und trotzdem wurde das Erkannte zurückgewiesen. Das Unrecht ist hier nicht bloß Nichtwissen. Es ist eine innere Verdunkelung trotz vorhandener Erkenntnis.

Das Licht ist nicht völlig abwesend, sondern es wird verdrängt. Darum ist Unrecht oft nicht nur Mangel an Licht, sondern aktive Verdunkelung.

24:35 Gott ist das Licht der Himmel und der Erde. Das Gleichnis seines Lichtes ist wie eine Nische, in der eine Lampe ist. Die Lampe ist in einem Glas.

Von hier aus wird verständlich, was Licht im Koran in diesem Zusammenhang bedeutet. Es ist nicht nur sichtbare Helligkeit. Es ist das, wodurch Dinge überhaupt klar werden, wodurch der Weg erkennbar wird und wodurch der Mensch aus Verdeckung herauskommt.

Das Licht ist somit die Bedingung von Klarheit, Richtung und Offenbarkeit.

24:40 Oder wie Finsternisse in einem tiefen Meer, das von Wellen überzogen ist, über denen Wellen sind, über denen Wolken sind. Finsternisse, die übereinander liegen. Wenn einer seine Hand ausstreckt, sieht er sie kaum. Und wem Gott kein Licht machte, für den gibt es kein Licht.

Diese Stelle beschreibt Finsternis als Überlagerung. Nicht nur ein wenig Dunkelheit, sondern ein Zustand, in dem selbst das Nächste kaum noch wahrgenommen wird. Gerade deshalb ist dieses Bild so stark für das Unrecht.

Unrecht ist dann nicht bloß ein einzelner Verstoß, sondern ein Zustand, in dem die Wahrnehmung des Rechten verschüttet wird.
Wo das Licht fehlt, fehlt die Sicht.
Wo die Sicht fehlt, wird der Weg verfehlt.

Zusammenhang

So zeigt der Koran selbst die Verbindung beider Begriffe.

Dunkelheit ist der Zustand der Verdeckung und des Orientierungsverlustes.
Unrecht ist die Handlung oder Haltung, die zu dieser Verdunkelung gehört oder aus ihr hervorgeht.

Das Unrecht ist deshalb nicht nur ein Verstoß gegen Recht, sondern ein Mangel an Licht. Es ist Verdunkelung der Wahrheit, Verfehlen des Weges und Abweichen von der geraden Ausrichtung.

Schlussgedanke

Unrecht ist im Koran nicht nur falsches Tun. Es ist Verdunkelung.
Und Dunkelheit ist nicht nur ein äußerer Zustand, sondern das Bild für Verdeckung, Irregehen und Verlust des rechten Weges.

Das eine beschreibt den Zustand, das andere die Haltung und die Tat.
Beide aber gehören derselben Welt an: der Welt, in der das Licht fehlt.